Der Spion-Buchtipp: Doris Dörrie "Und was wird aus mir?"
Bücher
29.04.2008
Doris Dörrie ist vielen nur als Regisseurin bekannt. Doch das Filmemachen ist nur eine ihrer vielen Begabungen. Auch als Autorin ist sie seit Jahren erfolgreich. Der Spion stellt euch ihren jüngsten Roman vor.
Derzeit interessieren sich die Medien vor allem für ihre Qualitäten als Filmemacherin: Ihr jüngstes Werk „Kirschblüten Hanami“ wurde in sechs Kategorien, darunter bester Film, bestes Drehbuch und beste Regie, für den deutschen Filmpreis 2008 nominiert. Doris Dörrie, ihres Zeichens Multitalent, blickt auch auf mehrere Erzählbände, Kinderbücher und Romane zurück. In ihrem letzten Roman „Und was wird aus mir?“ beweist sie, wie mutig sie sich auch zwischen ihren Disziplinen bewegt: Hier finden sich sowohl Filmelemente als auch ein Theaterstück wieder. Verdis Oper „Rigoletto“ hatte Dörrie selbst vor drei Jahren an der Bayerischen Staatsoper inszeniert. Das scheint sie nachhaltig beschäftigt zu haben, denn in „Und was wird aus mir?“ macht sie den Stoff der Oper zum Leitmotiv.
Abgestürzt und abgebrannt
Erzählt wird zum einen die Geschichte von Rainer, einem deutschen Regisseur, der vor 20 Jahren als vermeintliches Ausnahmetalent nach Hollywood kam. Jäh abgestürzt und abgebrannt muss er sich nun allerdings in einer drittklassigen Serie als Komparse durchschlagen. Vor allem gegenüber seiner 15-jährigen Tochter Allegra versucht Rainer verzweifelt, die Illusion des reichen und erfolgreichen Regisseurs aufrechtzuerhalten. So nimmt er immer dann, wenn seine Tochter ihn besucht, einen Job als Haushüter im Anwesen eines Hollywood-Stars an und gibt vor, er selbst sei der Besitzer der jeweiligen Prunkvilla.
Zum anderen geht es um Johanna, die Rainer ebenfalls in Amerika besucht. Sie war die Frau an seiner Seite, als er in Hollywood noch gefragt war. Doch auch Johanna ist tief gefallen: Zurück in Deutschland will niemand mehr etwas von ihr wissen. Nach einer Vielzahl von Jobs hat sie auch den letzten als Theaterrequisiteurin vermasselt: Ausgerechnet bei der Premiere zu Verdis Rigoletto vergisst sie, die wichtigste Requisite des Stücks am Bühnenrand bereit zu legen. Diesem Umstand verdankt der Roman seinen turbulenten Einstieg und den großartigen ersten Satz: „Ich habe den verdammten Sack vergessen.“ Wegen dieser Panne muss nämlich die Darstellerin, die es zu verbergen gilt, ohne Sack über die Bühne gerollt werden. Die Pointe ist dahin, das Publikum entsetzt, Johanna umgehend gefeuert.
Komplizierte Vater-Tochter-Beziehungen
Nun bleibt dies aber nicht die einzige Anlehnung an „Rigoletto“, ahmt die Autorin doch die Figurenkonstellation dem Stück nach: In der Oper will Hofnarr Rigoletto den Herzog von Mantua umbringen lassen, weil dieser seine Tochter verführt hat. Im Buch verliebt sich Allegra ausgerechnet in den deutschen Jungregisseur Marko, der, genau wie einst Rainer, in Hollywood als Ausnahmetalent gefeiert wird. Rainer verabscheut Marko, denn erstens ist er erfolgreich und zweitens sein Chef.
Die sich nun zuspitzende, komplizierte Vater-Tochter-Beziehung zwischen Rainer und Allegra ist bei weitem nicht die einzige ihrer Art. Auch Johanna hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater, seit er sie und die Mutter wegen einer anderen Frau verlassen hat. Nun liegt er im Sterben und möchte sie sehen.
Verstellt und verzweifelt
„Und was wird aus mir?“ - diese Frage stellen sich unterdessen alle: Rainer, der keinen Erfolg mehr hat, obwohl er sich liften lässt und sich für die Hollywood-Strategen regelrecht prostituiert; Johanna, die keinen Job lange behält; Allegra, die sich von ihrer Mutter in Deutschland abgeschoben und vom Vater eingeengt fühlt, und schließlich auch Marko, der zwar erfolgreich, aber innerlich ein Wrack ist.
Johanna jedenfalls nimmt man die Verzweiflung am ehesten ab. Sie gibt sich nämlich keinerlei Mühe, jemand anderes sein zu wollen und hebt sich so am meisten vom extrem klischeehaft und einseitig dargestellten Hollywood ab: Dörrie präsentiert die Bewohner der Glamourhochburg ausschließlich als oberflächliche, esoterikverrückte und erfolgshungrige Menschen, die um jeden Preis jung, fit und schön sein wollen und täglich frisch geduscht bei Starbucks sitzen. Zynisch formuliert dagegen Johanna ihr Selbstbild. Eine dumme alte Frau schimpft sie sich, als sie selbst mit Marko eine Nacht verbringen möchte. „Wahrscheinlich rieche ich bereits alt, habe Mundgeruch, Verwesungsgeruch, wahrscheinlich hat er das Gefühl, der Tod sei auf Besuch!“ denkt sie, als es nicht zum erwünschten Liebesakt kommt.
Heillos überladen
Leider aber ist Dörrie zu ehrgeizig in ihrem Streben nach Effekten. Von Seite zu Seite wird die Geschichte überladener. Da passiert zu viel, da ist zu wenig Zeit zum Nachfühlen. Die Fülle an Ereignissen geht oft zugunsten des Humors, genauso oft aber auf Kosten der Glaubwürdigkeit der Charaktere. Ist es plausibel, dass die frisch aus dem Theater geflogene Johanna in Amerika rein zufällig auf einer Highschool-Aufführung von Rigoletto landet? Auch wird sie gegen Ende mehr wie durch ein Wunder locker und gelöst, war sie doch zuvor so konstant spröde.
Heillos überladen, dafür umso rasanter kommt Dörries Geschichte daher. Ein Roman, der das Klischee liebt, es aber auf hohem Niveau behandelt.
(sh)
Doris Dörrie „Und was wird aus mir?“ Roman. (Diogenes, 2007)
Doris Dörrie ist vielen nur als Regisseurin bekannt. Doch das Filmemachen ist nur eine ihrer vielen Begabungen. Auch als Autorin ist sie seit Jahren erfolgreich. Der Spion stellt euch ihren jüngsten Roman vor.
Derzeit interessieren sich die Medien vor allem für ihre Qualitäten als Filmemacherin: Ihr jüngstes Werk „Kirschblüten Hanami“ wurde in sechs Kategorien, darunter bester Film, bestes Drehbuch und beste Regie, für den deutschen Filmpreis 2008 nominiert. Doris Dörrie, ihres Zeichens Multitalent, blickt auch auf mehrere Erzählbände, Kinderbücher und Romane zurück. In ihrem letzten Roman „Und was wird aus mir?“ beweist sie, wie mutig sie sich auch zwischen ihren Disziplinen bewegt: Hier finden sich sowohl Filmelemente als auch ein Theaterstück wieder. Verdis Oper „Rigoletto“ hatte Dörrie selbst vor drei Jahren an der Bayerischen Staatsoper inszeniert. Das scheint sie nachhaltig beschäftigt zu haben, denn in „Und was wird aus mir?“ macht sie den Stoff der Oper zum Leitmotiv.
Abgestürzt und abgebrannt
Erzählt wird zum einen die Geschichte von Rainer, einem deutschen Regisseur, der vor 20 Jahren als vermeintliches Ausnahmetalent nach Hollywood kam. Jäh abgestürzt und abgebrannt muss er sich nun allerdings in einer drittklassigen Serie als Komparse durchschlagen. Vor allem gegenüber seiner 15-jährigen Tochter Allegra versucht Rainer verzweifelt, die Illusion des reichen und erfolgreichen Regisseurs aufrechtzuerhalten. So nimmt er immer dann, wenn seine Tochter ihn besucht, einen Job als Haushüter im Anwesen eines Hollywood-Stars an und gibt vor, er selbst sei der Besitzer der jeweiligen Prunkvilla.
Zum anderen geht es um Johanna, die Rainer ebenfalls in Amerika besucht. Sie war die Frau an seiner Seite, als er in Hollywood noch gefragt war. Doch auch Johanna ist tief gefallen: Zurück in Deutschland will niemand mehr etwas von ihr wissen. Nach einer Vielzahl von Jobs hat sie auch den letzten als Theaterrequisiteurin vermasselt: Ausgerechnet bei der Premiere zu Verdis Rigoletto vergisst sie, die wichtigste Requisite des Stücks am Bühnenrand bereit zu legen. Diesem Umstand verdankt der Roman seinen turbulenten Einstieg und den großartigen ersten Satz: „Ich habe den verdammten Sack vergessen.“ Wegen dieser Panne muss nämlich die Darstellerin, die es zu verbergen gilt, ohne Sack über die Bühne gerollt werden. Die Pointe ist dahin, das Publikum entsetzt, Johanna umgehend gefeuert.
Komplizierte Vater-Tochter-Beziehungen
Nun bleibt dies aber nicht die einzige Anlehnung an „Rigoletto“, ahmt die Autorin doch die Figurenkonstellation dem Stück nach: In der Oper will Hofnarr Rigoletto den Herzog von Mantua umbringen lassen, weil dieser seine Tochter verführt hat. Im Buch verliebt sich Allegra ausgerechnet in den deutschen Jungregisseur Marko, der, genau wie einst Rainer, in Hollywood als Ausnahmetalent gefeiert wird. Rainer verabscheut Marko, denn erstens ist er erfolgreich und zweitens sein Chef.
Die sich nun zuspitzende, komplizierte Vater-Tochter-Beziehung zwischen Rainer und Allegra ist bei weitem nicht die einzige ihrer Art. Auch Johanna hat ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater, seit er sie und die Mutter wegen einer anderen Frau verlassen hat. Nun liegt er im Sterben und möchte sie sehen.
Verstellt und verzweifelt
„Und was wird aus mir?“ - diese Frage stellen sich unterdessen alle: Rainer, der keinen Erfolg mehr hat, obwohl er sich liften lässt und sich für die Hollywood-Strategen regelrecht prostituiert; Johanna, die keinen Job lange behält; Allegra, die sich von ihrer Mutter in Deutschland abgeschoben und vom Vater eingeengt fühlt, und schließlich auch Marko, der zwar erfolgreich, aber innerlich ein Wrack ist.
Johanna jedenfalls nimmt man die Verzweiflung am ehesten ab. Sie gibt sich nämlich keinerlei Mühe, jemand anderes sein zu wollen und hebt sich so am meisten vom extrem klischeehaft und einseitig dargestellten Hollywood ab: Dörrie präsentiert die Bewohner der Glamourhochburg ausschließlich als oberflächliche, esoterikverrückte und erfolgshungrige Menschen, die um jeden Preis jung, fit und schön sein wollen und täglich frisch geduscht bei Starbucks sitzen. Zynisch formuliert dagegen Johanna ihr Selbstbild. Eine dumme alte Frau schimpft sie sich, als sie selbst mit Marko eine Nacht verbringen möchte. „Wahrscheinlich rieche ich bereits alt, habe Mundgeruch, Verwesungsgeruch, wahrscheinlich hat er das Gefühl, der Tod sei auf Besuch!“ denkt sie, als es nicht zum erwünschten Liebesakt kommt.
Heillos überladen
Leider aber ist Dörrie zu ehrgeizig in ihrem Streben nach Effekten. Von Seite zu Seite wird die Geschichte überladener. Da passiert zu viel, da ist zu wenig Zeit zum Nachfühlen. Die Fülle an Ereignissen geht oft zugunsten des Humors, genauso oft aber auf Kosten der Glaubwürdigkeit der Charaktere. Ist es plausibel, dass die frisch aus dem Theater geflogene Johanna in Amerika rein zufällig auf einer Highschool-Aufführung von Rigoletto landet? Auch wird sie gegen Ende mehr wie durch ein Wunder locker und gelöst, war sie doch zuvor so konstant spröde.
Heillos überladen, dafür umso rasanter kommt Dörries Geschichte daher. Ein Roman, der das Klischee liebt, es aber auf hohem Niveau behandelt.
(sh)
Doris Dörrie „Und was wird aus mir?“ Roman. (Diogenes, 2007)
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