Der Spion-Buchtipp: Jochen Schmidt: 'Meine wichtigsten Körperfunktionen'
Bücher
06.11.2007
Jochen Schmidts Erzähler hat es nicht leicht: Keiner mag ihn, nichts gelingt ihm, ständig passiert ihm eine Katastrophe nach der nächsten ...
Dabei sah es eigentlich so gut für Jochen Schmidt aus: Von der Presse hoch gehandelt galt er als Publikumsliebling beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis. Entgegen aller Erwartungen ging er jedoch leer aus. Glück im Unglück für den jungen Autor: In der Entscheidung der Jury sahen viele Kritiker, deren Ansicht nach Schmidt wenigstens der zweite Platz zugestanden hätte, einen regelrechten Skandal. Dieser verhalf ihm doch noch zu breitem Interesse und machte aus dem Verlierer den eigentlichen Gewinner des Lesewettbewerbs.
Menschliche Unzulänglichkeiten
Verlieren bei relativer Siegessicherheit - diese Episode jedenfalls hätte, vielleicht unter der Überschrift »Meine falschen Hoffnungen«, gut in Schmidts aktuellen Erzählband gepasst. »Meine wichtigsten Körperfunktionen« ist eine Sammlung von Geschichten über Unzulänglichkeiten. In 32 charmanten Texten erzählt Schmidt ganz unverblümt von schlechten Angewohnheiten und menschlichen Schwächen. Überwiegend zeichnet er dabei das Bild eines zerstreuten wie liebenswürdigen Tollpatsch, der ähnlich trottelig-verplant wie der Held in Horst Evers' Geschichten durchs Leben geht. Gleich der erste Text handelt vom »langen Weg zur Tür«: Sein Erzähler hat einen Termin und muss aus dem Haus, doch fällt ihm disproportional zur vorhandenen Zeit immer mehr noch zu Erledigendes ein, so dass er einfach nicht los kommt. In »Meine Hilfsbereitschaft« hat der Held Ferien. Von seinen Freunden und Verwandten, die, im Gegensatz zu ihm, natürlich allesamt verreisen, lässt er sich zum Briefkastenleeren sowie zur Pflanzen- und Haustierpflege verdonnern. Bald schon nehmen so viele urlaubende Mitmenschen seine Selbstlosigkeit in Anspruch, dass er seine tägliche Tour morgens um sechs beginnen muss, um alles zu schaffen. Unterdessen zieht er die Urlaubskarten, die seine Freunde sich gegenseitig schicken, aus deren Briefkästen. Zumindest ihnen scheint es gut zu gehen.
Meisterliche Übertreibung
Der gutmütige Tollpatsch enpuppt sich gleichzeitig als armer Tropf, der sich das Leben immer so schwer wie nur möglich macht. Ein Sonderling, der sich darüber den Kopf zerbricht, ob er beim Atmen zuerst ein- oder ausatmet und den schon allein deshalb das schlechte Gewissen quält, weil er seiner Mutter bei der Geburt Schmerzen bereitet hat. Von zwei Frauen entscheidet er sich aus reiner Höflichkeit für die hässlichere, denn wer soll sich sonst ihrer erbarmen? Seite für Seite bietet Schmidt derart meisterliche Übertreibung. Und er kann noch besser: In »Meine Einsamkeit« wird der Held gleich von der ganzen Welt verschmäht. Wärme und Nähe sucht er selbst bei den Schafen im Streichelzoo vergebens. Ja, nicht einmal die Kirche bietet ihm Trost, denn bei seinem Anblick springt sogar Jesus angewidert vom Kreuz und stürzt, das Kreuz noch an der Hand hinter sich herschleifend, aus dem Gotteshaus.
Von Pointe zu Pointe
Weil man sehr schnell erkennt, dass Schmidts Texte von Übertreibung leben, empfindet man deren Aufbau gelegentlich als etwas vorhersehbar. So ist auch die Geschichte »Meine Vergesslichkeit« zunächst recht lebensnah: Beim Duschen weiß der Held nicht, ob er sich schon eingeseift hat oder nicht, und dass seine Freundin Geburtstag hat, merkt er erst, als sich die Kaffeerunde, in der er sitzt, immer mehr vergrößert. So weit, so lustig. Aber darüber, dass er auch vergisst, mit welchen Geschlechtsmerkmalen Mann und Frau ausgestattet sind und er sich im Spiegel selbst seines Mannseins vergewissern muss, ringt man sich ein eher müdes Lächeln ab. Manchmal steigert sich Schmidt von Pointe zu Pointe über die Grenze des Textes (und für den ein oder anderen auch über die des guten Geschmacks) hinaus. Ähnlich southparkhaft wie der vom Kreuz springende Jesus ist Schmidts Erzähler in der Episode »Mein Geiz«, der wütend seine Exkremente zum Supermarkt "zurück"bringt, mit dem Vorwurf, er habe ja quasi den ganzen Abfall mitbezahlen müssen.
Immer wieder überrascht Schmidt mit göttlichen Vergleichen: »Wenn Frauen wie warmes, duftendes Badewasser sind, dann verliebt sich in mich der schwarze Rand, der bleibt, wenn man den Stöpsel zieht.« Gekonnt und höchst amüsant setzt er Gegensätze zusammen. So gibt er ausgerechnet in »Meine Inkompetenz« folgende ruhmreiche Fähigkeit zum Besten: »Ich kann Blähungen unterdrücken, wenn es von mir verlangt wird, bzw. je nach meinem Abstand zur nächsten Person ihre Lautstärke regulieren.«
Keine abwegige Hoffnung
In »Meine Vielschichtigkeit« kommen schließlich alle Eigenschaften zusammen. Ein ganzes Gefühlsuniversum vermag Schmidt darin mit jedem einzelnen Satz auszudrücken. Hier lesen wir geniale, zum Teil bittersüße Sätze wie »Ich bin der, dem du die Sicht verdeckst, wenn du im Kino deinen Freund küsst« oder »Ich bin der, der lostanzt und dann stellt sich heraus, daß es gar nicht das Lied ist«. Jochen Schmidt, das ist aber auf jeden Fall der, dessen Hoffnung auf breite Anerkennung für dieses Buch alles andere als abwegig ist.
Jochen Schmidt »Meine wichtigsten Körperfunktionen«. Erzählband. (CH. Beck Verlag, 2007).
Jochen Schmidts Erzähler hat es nicht leicht: Keiner mag ihn, nichts gelingt ihm, ständig passiert ihm eine Katastrophe nach der nächsten ...
Dabei sah es eigentlich so gut für Jochen Schmidt aus: Von der Presse hoch gehandelt galt er als Publikumsliebling beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis. Entgegen aller Erwartungen ging er jedoch leer aus. Glück im Unglück für den jungen Autor: In der Entscheidung der Jury sahen viele Kritiker, deren Ansicht nach Schmidt wenigstens der zweite Platz zugestanden hätte, einen regelrechten Skandal. Dieser verhalf ihm doch noch zu breitem Interesse und machte aus dem Verlierer den eigentlichen Gewinner des Lesewettbewerbs.
Menschliche Unzulänglichkeiten
Verlieren bei relativer Siegessicherheit - diese Episode jedenfalls hätte, vielleicht unter der Überschrift »Meine falschen Hoffnungen«, gut in Schmidts aktuellen Erzählband gepasst. »Meine wichtigsten Körperfunktionen« ist eine Sammlung von Geschichten über Unzulänglichkeiten. In 32 charmanten Texten erzählt Schmidt ganz unverblümt von schlechten Angewohnheiten und menschlichen Schwächen. Überwiegend zeichnet er dabei das Bild eines zerstreuten wie liebenswürdigen Tollpatsch, der ähnlich trottelig-verplant wie der Held in Horst Evers' Geschichten durchs Leben geht. Gleich der erste Text handelt vom »langen Weg zur Tür«: Sein Erzähler hat einen Termin und muss aus dem Haus, doch fällt ihm disproportional zur vorhandenen Zeit immer mehr noch zu Erledigendes ein, so dass er einfach nicht los kommt. In »Meine Hilfsbereitschaft« hat der Held Ferien. Von seinen Freunden und Verwandten, die, im Gegensatz zu ihm, natürlich allesamt verreisen, lässt er sich zum Briefkastenleeren sowie zur Pflanzen- und Haustierpflege verdonnern. Bald schon nehmen so viele urlaubende Mitmenschen seine Selbstlosigkeit in Anspruch, dass er seine tägliche Tour morgens um sechs beginnen muss, um alles zu schaffen. Unterdessen zieht er die Urlaubskarten, die seine Freunde sich gegenseitig schicken, aus deren Briefkästen. Zumindest ihnen scheint es gut zu gehen.
Meisterliche Übertreibung
Der gutmütige Tollpatsch enpuppt sich gleichzeitig als armer Tropf, der sich das Leben immer so schwer wie nur möglich macht. Ein Sonderling, der sich darüber den Kopf zerbricht, ob er beim Atmen zuerst ein- oder ausatmet und den schon allein deshalb das schlechte Gewissen quält, weil er seiner Mutter bei der Geburt Schmerzen bereitet hat. Von zwei Frauen entscheidet er sich aus reiner Höflichkeit für die hässlichere, denn wer soll sich sonst ihrer erbarmen? Seite für Seite bietet Schmidt derart meisterliche Übertreibung. Und er kann noch besser: In »Meine Einsamkeit« wird der Held gleich von der ganzen Welt verschmäht. Wärme und Nähe sucht er selbst bei den Schafen im Streichelzoo vergebens. Ja, nicht einmal die Kirche bietet ihm Trost, denn bei seinem Anblick springt sogar Jesus angewidert vom Kreuz und stürzt, das Kreuz noch an der Hand hinter sich herschleifend, aus dem Gotteshaus.
Von Pointe zu Pointe
Weil man sehr schnell erkennt, dass Schmidts Texte von Übertreibung leben, empfindet man deren Aufbau gelegentlich als etwas vorhersehbar. So ist auch die Geschichte »Meine Vergesslichkeit« zunächst recht lebensnah: Beim Duschen weiß der Held nicht, ob er sich schon eingeseift hat oder nicht, und dass seine Freundin Geburtstag hat, merkt er erst, als sich die Kaffeerunde, in der er sitzt, immer mehr vergrößert. So weit, so lustig. Aber darüber, dass er auch vergisst, mit welchen Geschlechtsmerkmalen Mann und Frau ausgestattet sind und er sich im Spiegel selbst seines Mannseins vergewissern muss, ringt man sich ein eher müdes Lächeln ab. Manchmal steigert sich Schmidt von Pointe zu Pointe über die Grenze des Textes (und für den ein oder anderen auch über die des guten Geschmacks) hinaus. Ähnlich southparkhaft wie der vom Kreuz springende Jesus ist Schmidts Erzähler in der Episode »Mein Geiz«, der wütend seine Exkremente zum Supermarkt "zurück"bringt, mit dem Vorwurf, er habe ja quasi den ganzen Abfall mitbezahlen müssen.
Immer wieder überrascht Schmidt mit göttlichen Vergleichen: »Wenn Frauen wie warmes, duftendes Badewasser sind, dann verliebt sich in mich der schwarze Rand, der bleibt, wenn man den Stöpsel zieht.« Gekonnt und höchst amüsant setzt er Gegensätze zusammen. So gibt er ausgerechnet in »Meine Inkompetenz« folgende ruhmreiche Fähigkeit zum Besten: »Ich kann Blähungen unterdrücken, wenn es von mir verlangt wird, bzw. je nach meinem Abstand zur nächsten Person ihre Lautstärke regulieren.«
Keine abwegige Hoffnung
In »Meine Vielschichtigkeit« kommen schließlich alle Eigenschaften zusammen. Ein ganzes Gefühlsuniversum vermag Schmidt darin mit jedem einzelnen Satz auszudrücken. Hier lesen wir geniale, zum Teil bittersüße Sätze wie »Ich bin der, dem du die Sicht verdeckst, wenn du im Kino deinen Freund küsst« oder »Ich bin der, der lostanzt und dann stellt sich heraus, daß es gar nicht das Lied ist«. Jochen Schmidt, das ist aber auf jeden Fall der, dessen Hoffnung auf breite Anerkennung für dieses Buch alles andere als abwegig ist.
Jochen Schmidt »Meine wichtigsten Körperfunktionen«. Erzählband. (CH. Beck Verlag, 2007).
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