Der Spion Buchtipp: Lena Gorelik „Hochzeit in Jerusalem“

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29.06.2007



Häufig sind es doch vielmehr die leisen Töne, die am klangvollsten nachhallen, die sich festsetzen, und über denen man, oft später zwar, aber dafür umso nachhaltiger, schwelgt. Leise Töne sind es auch, mit denen die erst 26jährige Autorin Lena Gorelik von Emotionen und Reflexionen des menschlichen Zusammenlebens zu erzählen versteht. Ihr zweiter Roman „Hochzeit in Jerusalem“ ist dabei, wie schon ihr Debüt „Meine weißen Nächte“ (2004) sehr stark von autobiographischen Zügen geprägt.

Wie die Autorin ist auch die Protagonistin des Romans eine russische Jüdin, die im Kindesalter mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert ist. Lena Gorelik lässt ihre Hauptfigur und Ich-Erzählerin Anja rückblickend die Schwierigkeiten ihrer Familie, sich in der neuen Umgebung einzuleben, schildern und kommt dabei ganz ohne Tränendrüse und übermäßige Gefühlsduselei aus. So erzählt Anja von einem Grillfest der jüdischen Gemeinde, bei dem sie und ihre Eltern die einzigen Russen waren und von den anderen anwesenden Familien nicht weiter beachtet wurden. „Meine Eltern lächelten, so wie sie sonst nie lächelten. Fremd. Falsch. Klein, irgendwie“, erinnert sie sich, und man weiß genau, welche Art von Lächeln sie meint, welches Gefühl sich dahinter verbirgt. Mehrerer Worte bedarf es nicht. Dieselbe leise Tragik findet sich in einer weiteren Erinnerung Anjas: Für eine Theateraufführung ihrer Klasse bäckt ihre Mutter, als Beitrag zum Büffet, einen russischen Apfelkuchen. Dieser bleibt jedoch unangetastet, und weder Anja noch ihrer Eltern verlieren darüber ein Wort. Das angestrengte Lächeln der Eltern, ein unangetasteter russischer Apfelkuchen, und Lena Gorelik hat die Gefühlswelt dieser Einwandererfamilie, ihre Isolation und das bedrückende Unwohlsein in der Fremde, in treffenden Bildern ins Leserherz gepflanzt.

Doch ist „Hochzeit in Jerusalem“ kein Einwandererroman. Die Gedanken an die Zeit nach der Übersiedelung nach Deutschland tauchen lediglich in einigen Rückblenden auf. Ausgelöst werden diese Erinnerungen durch die eigentliche Handlung der Geschichte: Eine Reise nach Israel, die Anja mit ihrem Bekannten Julian unternimmt. Julian, dessen Figur leider fast schon zu blass gezeichnet ist, hat selbst gerade erst erfahren, dass der väterliche Teil seiner Familie jüdischer Abstammung ist und Anja gebeten, ihm beim Ergründen seiner jüdischen Wurzeln zu helfen. Die Reise, zu der Anja einwilligt, obwohl sie Julian erst kürzlich im Internet kennen gelernt hat, soll ihm den Zugang zum Judentum erleichtern. Die beiden reisen jedoch nicht allein - als Anjas leicht nervige, aber sehr liebenswürdige Familie davon erfährt, schließt diese sich zu ihrer großen Überraschung samt der über 90jährigen, schon ziemlich schusseligen Großmutter an. Wie es der Zufall will, feiert nämlich eine entfernte Cousine der Familie bald ihre Hochzeit in Israel, und dies sei schließlich eine schöne (für die Großmutter vermutlich auch die letzte) Gelegenheit, gemeinsam ins Heilige Land zu reisen und einige der zahlreichen, in aller Welt verstreuten, Verwandten wieder zu sehen.

So ist Anja also mit dreierlei Angelegenheiten konfrontiert: Zunächst wäre da ihr seltsames Verhältnis zu Julian und die Tatsache, dass sie sich ihrer Gefühle ihm gegenüber noch nicht klar geworden ist. Außerdem zwingen die Umstände sie, sich mit ihrer Familie und deren Vergangenheit auseinander zu setzen. Zu guter Letzt muss Anja feststellen, dass diese Reise nicht nur für Julian, sondern ebenso für sie selbst einer Identitätssuche gleicht, welche allerhand Nachdenklichkeit in ihr auslöst. Ihr eigener Umgang mit ihrem Jüdischsein beschäftigt sie von Neuem; die Erinnerung daran, wie sie sich als Kind oft für sich und ihre Eltern schämte und wie es später wiederum genau diese Scham war, für die sie sich geschämt hat. Doch beschränken sich Anjas Gedanken zum Identitätsbegriff nicht nur auf religiöse Aspekte – sie reflektiert ebenso über politische Gesinnung und stellt fest „Mein Freundeskreis ist, wohl wie ich, neulinks. Wir glauben an die Ideologien und leben gerne unser bequemes Leben in der konsumorientierten Gesellschaft, über die wir beim Shoppen schimpfen.“ Derartig gelungene, spitzfindige Kommentare tauchen in Goreliks Buch gleich in mehreren Zusammenhängen auf und bieten ein Pendant zu der stillen Melancholie des Romans.

Etwas an den Haaren herbeigezogen wirkt jedoch das Kennenlernen von Julian und Anja im Internetchat. Die E-Mails, die sie später austauschen, wirken aufgesetzt, verkrampft authentisch und seltsam fehl am Platze, denn sie wollen nicht so recht zum Rest der Geschichte und ebenso wenig zu den beiden Charakteren, die sie schreiben, passen. Noch befremdlicher ist, dass Gorelik (hat sie doch eigentlich auf unnötige Überspitzung verzichtet) ein ganz übles Frauenroman-Klischee bedient, denn leider gibt sie Anja einen besten Freund, der Chris heißt, der allen Ernstes Socken strickt, weil er meint, Stricken läge im Trend, und der Anja, ganz wie in Bridget Jones, am Telefon von seinen Beziehungsproblemen berichtet. Schwul, und auf dieses Detail hinzuweisen lässt Gorelik nicht aus, schwul ist der kommunikationsfreudige, sockenstrickende Romantiker Chris aber nicht.

Lena Gorelik - eine junge Autorin von der man in Zukunft dennoch viel erwarten darf. Die Fehlgriffe in diese ganz unliebsame Klischeekiste macht sie wett mit zahlreichen pointierten Gesellschaftsbeobachtungen und ihrem wundervollen Blick für das Wesentliche, diesen stillen Momentaufnahmen, die sie einzufangen und festzuhalten vermag.

Lena Gorelik „Hochzeit in Jerusalem“. Roman. (SchirmerGraf Verlag, 2007).
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