Michel Friedman geht ins Gefängnis
Kino & TV
09.05.2008
Er polarisiert wie kein Zweiter im deutschen Fernsehen. Im Jahr 2003 war er in einen Kokainskandal verwickelt. Den Chef-Ideologen und Star-Anwalt der deutschen Nazis, Horst Mahler, interviewte er im November 2007. Jetzt geht Michel Friedmann in den Knast.
Michel Friedman geht auf N24 neue Wege: "Friedman schaut hin" heißt das Format, das am Donnerstag TV-Premiere hat. Das Konzept der Sendung besteht in der Mischung aus Reportage und Talk. Der besondere Ort Gefängnis dient als Ausgangspunkt, von den Randbereichen der Gesellschaft zu berichten. In der ersten Folge, der zunächst auf drei bis vier Ausgaben konzipierten Reihe fährt Friedman ins Jugendgefängnis im brandenburgischen Wriezen.
"Abweisend und kalt sind die Mauern der Jugendstrafvollzugsanstalt mitten in Brandenburg", erzählt Friedman aus dem Off, während er aus einer Limousine auf die Betonfeste blickt. Dort ist er "verabredet" mit vier jungen Männern, die ihre Strafe absitzen. "Ich hatte immer Angst vor Gefängnissen", sagt Friedman, "schon als kleiner Junge. Und auch dieses Gefängnis macht mir Angst."
Durch die Augen des schärfsten Kritikers im deutschen Fernsehen Schnell wird deutlich: Hier folgt die Kamera dem Blick des Moderators, hier geht es um seine Perspektive, seine Haltung. Aus dem Off gibt Friedman die Richtung vor: "Was ist schief gelaufen, wer war schuld, Eltern, Gesellschaft oder sie selbst?", fragt er und sich: "Werden die Jugendlichen mit mir reden? Wie werde ich Vertrauen schaffen, Nähe und ohne mich anzubiedern?" Für das Konzept fasste Friedman hehre Vorsätze: Er wolle die "Elemente des Talks im Fernsehen zu einer neuen Form bringen", den Menschen ein "Gesicht geben" und sogar versuchen, sich diesmal "außerordentlich zurückzuhalten", sagte er vor der Ausstrahlung. Anders als im politischen Talk, bei dem er den Interviewten argumentativ wie körperlich mitunter sehr nahe kommt, gehe es ihm jetzt darum, "Geschichten, Biografien und Hintergründe herauszufinden".
... wird auch Friedmanns eigene Biografie kritisch beleuchtet...
Dabei habe er auch die eigene Biografie offen gelegt, seine Kokain-Verfehlung, die ihn 2003 in die Schlagzeilen brachte, selbst angesprochen, sagt Friedman. Er habe den Jugendlichen auch signalisieren wollen: "Wir führen Euch nicht vor, wir nehmen Euch ernst."
Dennoch bleibt Friedmans Streifzug durch das Leben der Weggesperrten eigentümlich distanziert. Als er mit den Männern am Tisch sitzt, fragt er immer wieder nach dem "Wann" der ersten Gesetzesverstöße: "Wann begann die Lust und Freude am Verprügeln anderer Menschen?" Eine Erhellung, die Einblick in die Beweggründe von Gewalt geben könnte, kann eine solche Befragung nicht liefern. Selbst die Delikte, für die die Jugendlichen bis zu fünf Jahre Haft bekamen, bleiben unklar.
...ebenso wie die familiären Hintergründe der Inhaftierten
Stattdessen bestätigt die Sendung tradierte Vorstellungen: Drei der vier Jugendlichen kommen aus zerrütteten Familien, als Kinder begannen sie mit Alkohol und Drogen, es folgten Diebstähle, Gewaltdelikte. Nur Marcel stammt aus "gutbürgerlichen Verhältnissen", wie es Friedman nennt, der Vater Glaser, die Mutter Verkäuferin. Aber auch Marcel hätte sich gewünscht, früher in Haft zu kommen, um eine Grenze zu erfahren. Doch Friedman hakt nicht nach, fragt nicht, warum Gewalttäter nach der Gewalt des Staates rufen oder die Schuld für ihre Entwicklung in der fehlenden Grenze sehen.
Dann besucht er Steve in der Zelle: "Ich habe Angst. Eine Zelle. Abgesperrt. Aber ich will mehr über ihn wissen. Also muss ich in sein Zimmer." Dann sitzt er bei dem jungen Mann, sagt "Das ist also Ihre Zelle", lässt sich von Steve die Fotos an der Wand zeigen, guckt in den Fernseher, "Mögen Sie Rap?", und sieht sich im Bad um: "Also das ist das Bad."
"Hör zu, prügeln ist für mich scheiße."
Die Spannung sollen derweil zwischen die Gespräche geschnittene Bild-Blitzlichter steigern, teils eingefärbte Sequenzen, mit scharfer Musik reißerisch unterlegt. Am Ende versucht Friedman, der von sich behauptet, er streite für sein Leben gern, den Männern eine Haltung zu entlocken: "Ich, Michel Friedman, ich erwarte, dass, wenn Sie rausgehen, Sie mir sagen: Hör zu, prügeln ist für mich scheiße." Und dann fügt er hinzu: Er selbst sei noch nie auf die Idee gekommen, "Nazis zu klatschen". In der nächsten Ausgabe will Friedman mit Menschen sprechen, die extreme Ideologien vertreten. Ein Sendetermin steht noch nicht fest. Weiterhin befragt Friedman in der N24-Sendung "Studio Friedman" Politiker zu aktuellen Themen.
(ddp/jd)
Er polarisiert wie kein Zweiter im deutschen Fernsehen. Im Jahr 2003 war er in einen Kokainskandal verwickelt. Den Chef-Ideologen und Star-Anwalt der deutschen Nazis, Horst Mahler, interviewte er im November 2007. Jetzt geht Michel Friedmann in den Knast.
Michel Friedman geht auf N24 neue Wege: "Friedman schaut hin" heißt das Format, das am Donnerstag TV-Premiere hat. Das Konzept der Sendung besteht in der Mischung aus Reportage und Talk. Der besondere Ort Gefängnis dient als Ausgangspunkt, von den Randbereichen der Gesellschaft zu berichten. In der ersten Folge, der zunächst auf drei bis vier Ausgaben konzipierten Reihe fährt Friedman ins Jugendgefängnis im brandenburgischen Wriezen.
"Abweisend und kalt sind die Mauern der Jugendstrafvollzugsanstalt mitten in Brandenburg", erzählt Friedman aus dem Off, während er aus einer Limousine auf die Betonfeste blickt. Dort ist er "verabredet" mit vier jungen Männern, die ihre Strafe absitzen. "Ich hatte immer Angst vor Gefängnissen", sagt Friedman, "schon als kleiner Junge. Und auch dieses Gefängnis macht mir Angst."
Durch die Augen des schärfsten Kritikers im deutschen Fernsehen Schnell wird deutlich: Hier folgt die Kamera dem Blick des Moderators, hier geht es um seine Perspektive, seine Haltung. Aus dem Off gibt Friedman die Richtung vor: "Was ist schief gelaufen, wer war schuld, Eltern, Gesellschaft oder sie selbst?", fragt er und sich: "Werden die Jugendlichen mit mir reden? Wie werde ich Vertrauen schaffen, Nähe und ohne mich anzubiedern?" Für das Konzept fasste Friedman hehre Vorsätze: Er wolle die "Elemente des Talks im Fernsehen zu einer neuen Form bringen", den Menschen ein "Gesicht geben" und sogar versuchen, sich diesmal "außerordentlich zurückzuhalten", sagte er vor der Ausstrahlung. Anders als im politischen Talk, bei dem er den Interviewten argumentativ wie körperlich mitunter sehr nahe kommt, gehe es ihm jetzt darum, "Geschichten, Biografien und Hintergründe herauszufinden".
... wird auch Friedmanns eigene Biografie kritisch beleuchtet...
Dabei habe er auch die eigene Biografie offen gelegt, seine Kokain-Verfehlung, die ihn 2003 in die Schlagzeilen brachte, selbst angesprochen, sagt Friedman. Er habe den Jugendlichen auch signalisieren wollen: "Wir führen Euch nicht vor, wir nehmen Euch ernst."
Dennoch bleibt Friedmans Streifzug durch das Leben der Weggesperrten eigentümlich distanziert. Als er mit den Männern am Tisch sitzt, fragt er immer wieder nach dem "Wann" der ersten Gesetzesverstöße: "Wann begann die Lust und Freude am Verprügeln anderer Menschen?" Eine Erhellung, die Einblick in die Beweggründe von Gewalt geben könnte, kann eine solche Befragung nicht liefern. Selbst die Delikte, für die die Jugendlichen bis zu fünf Jahre Haft bekamen, bleiben unklar.
...ebenso wie die familiären Hintergründe der Inhaftierten
Stattdessen bestätigt die Sendung tradierte Vorstellungen: Drei der vier Jugendlichen kommen aus zerrütteten Familien, als Kinder begannen sie mit Alkohol und Drogen, es folgten Diebstähle, Gewaltdelikte. Nur Marcel stammt aus "gutbürgerlichen Verhältnissen", wie es Friedman nennt, der Vater Glaser, die Mutter Verkäuferin. Aber auch Marcel hätte sich gewünscht, früher in Haft zu kommen, um eine Grenze zu erfahren. Doch Friedman hakt nicht nach, fragt nicht, warum Gewalttäter nach der Gewalt des Staates rufen oder die Schuld für ihre Entwicklung in der fehlenden Grenze sehen.
Dann besucht er Steve in der Zelle: "Ich habe Angst. Eine Zelle. Abgesperrt. Aber ich will mehr über ihn wissen. Also muss ich in sein Zimmer." Dann sitzt er bei dem jungen Mann, sagt "Das ist also Ihre Zelle", lässt sich von Steve die Fotos an der Wand zeigen, guckt in den Fernseher, "Mögen Sie Rap?", und sieht sich im Bad um: "Also das ist das Bad."
"Hör zu, prügeln ist für mich scheiße."
Die Spannung sollen derweil zwischen die Gespräche geschnittene Bild-Blitzlichter steigern, teils eingefärbte Sequenzen, mit scharfer Musik reißerisch unterlegt. Am Ende versucht Friedman, der von sich behauptet, er streite für sein Leben gern, den Männern eine Haltung zu entlocken: "Ich, Michel Friedman, ich erwarte, dass, wenn Sie rausgehen, Sie mir sagen: Hör zu, prügeln ist für mich scheiße." Und dann fügt er hinzu: Er selbst sei noch nie auf die Idee gekommen, "Nazis zu klatschen". In der nächsten Ausgabe will Friedman mit Menschen sprechen, die extreme Ideologien vertreten. Ein Sendetermin steht noch nicht fest. Weiterhin befragt Friedman in der N24-Sendung "Studio Friedman" Politiker zu aktuellen Themen.
(ddp/jd)
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