Charlotte Roches Debütroman über weibliche Sexualität und gesellschaftlichen Hygienezwang

City- & Szenenews

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26.02.2008



Charlotte Roche schreibt...

Die TV-Moderatorin Charlotte Roche (30) hat ihren ersten Roman geschrieben. „Feuchtgebiete“ ist dieser Tage im Dumont-Verlag erschienen. Er handelt von weiblicher Sexualität und gesellschaftlichem Hygienezwang. Die Hauptfigur, die 18-jährige Helen, liegt nach einer missglückten Intimrasur im Krankenhaus auf der Inneren Abteilung. Sie wartet auf den Besuch ihrer geschiedenen Eltern, in der irren Hoffnung, die beiden könnten sich am Krankenbett der Tochter endlich versöhnen. Unterdessen nimmt sie jene Bereiche ihres Körpers unter die Lupe, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten.

Anlässlich ihres Romandebüts reist Charlotte Roche derzeit durch die Republik und liest aus ihrem Buch. Die ehemalige VIVA-Moderatorin und Grimme-Preisträgerin wird derzeit in allen Medien gerne herumgereicht. Der Roche, die einmal einen Robbie Williams fragte, ob seine eigene Musik zu hören nicht dasselbe sei, wie sein eigenes Sperma zu trinken, traut man gerne zu, einen guten Roman über verklemmten Umgang mit weiblicher Sexualität schreiben zu können. Ihr Verlag preist „Feuchtgebiete“ darüber hinaus als mutige und radikale Rebellion Charlotte Roches gegen Hygienehysterie und die sterile Ästhetik der Frauenzeitschriften.

...zwischen einfacher Aufklärung und „sex-positivem" Feminismus

Im Interview mit dem Spiegel räumt Roche ein, dass es zwar in der Öffentlichkeit einen scheinbar übersättigten Diskurs über Sexualität gibt, dieser stellt aber ihrer Meinung nach „den Sex langweiliger, flacher, spießiger und unaufregender dar(…), als er in Wirklichkeit ist“. Sie fordert einen offeneren Umgang mit Sexualität. Roche versteht sich selbst als Feministin. Dabei bewegt sich der Roman Feuchtgebiete in einem Spannungsfeld zwischen Aufklärung und sex-positivem Feminismus. Das heißt Roche beginnt zunächst einmal über Themen zu reden, die aufgrund der vorherrschenden Hygienemoral unsichtbar sind, obwohl sie natürlich jeden Tag aufs Neue die Körper der Menschen, der Frauen wie der Männer, betreffen. Die Autorin bedauert, dass Frauen keinen vergleichbar entspannten Umgang mit ihrer Sexualität haben wie dies bei Männern möglich scheint. Gegenüber jetzt.de sagte sie: „Was Sexualität angeht, kann man sich Männer ruhig als Vorbild nehmen. Die haben Kosenamen für ihre Geschlechtsorgane.“ Frauen sind dagegen oftmals sprachlos. Das will Charlotte Roche ändern.

Im Spiegel wird sie darauf angesprochen, dass der Verlag Kiepenheuer und Witsch "Feuchtgebiete" mit der Begründung ablehnte, der Roman sei pornographisch. Neben der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Hygienezwang ist Roches Buch vor allem angewandte sexuelle Selbstbestimmung. Wenn ihr Buch tatsächlich ein Porno sei, dann wäre das schön, sagt sie im Interview. Damit ist der Umstand gemeint, dass Pornografie doch immer noch sehr plump daher kommt und ihr Buch von den üblichen pornografischen Perspektiven weit entfernt ist. Statt um die immergleichen Penetrationen geht es in „Feuchtgebiete“ so Roche „um Masturbation und die Erforschung des eigenen Körpers“. Damit geht Roche einen anderen Weg als etwa die derzeit bekannteste deutsche Feministin Alice Schwarzer mit ihrer Zeitschrift Emma. Schwarzer kann der Pornografie weiterhin gar nichts abgewinnen und hält sie für grundsätzlich schlecht. Roche hält dem entgegen, dass sie keine Lust habe, „Frau Schwarzer erst um Erlaubnis zu fragen, bevor ich im Bett richtig loslege“. Sie ist der Meinung, dass junge Frauen bei vielen neuen Kampagnen von Alice Schwarzer wie bei der Verteufelung von Pornos nicht mehr mitgehen können. Stattdessen geht es darum, über die eigene Sexualität selbst zu bestimmen.

„Amerikanisierung der Körper“?

Einziger Wermutstropfen bleibt eine Äußerung in der Märzausgabe des Lifestylemagazins „blond“. Zunächst scheint es als könne in dem jungen und hippen Magazin lockerer über „Ärsche“ und „Titten“ geredet werden. Wenn Roche ihre Kritik an der aufgezwungenen Hygienemoral aber als Kampf gegen die „Amerikanisierung des Körpers“ darstellt, sollte dem noch einmal entgegengehalten werden, dass es dabei eher um treffende Kulturkritik westlich-post-industrieller Gesellschaften gehen sollte als um eine einfache Verortung der Verantwortung in den USA. Das wusste schon der - im Alltag als ziemlich verklemmt geltende - Theodor Adorno in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Das die amerikanische Massenkultur rückständig und schlecht sei, ist ein ebenso altes wie beliebtes Vorurteil der Europäer. In der amerikanischen Kultur bildet sich allerdings nur deutlich früher und radikaler ab, was in Wirklichkeit eine umfassende Tendenz in der westlich-europäischen Kulturentwicklung ist.
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