Ein Abend mit Charlotte
City- & Szenenews
09.03.2008
Am 8. März stellte Charlotte Roche ihren Debütroman "Feuchtgebiete" im Mau-Club in Rostock vor. Der Spion war für euch dabei.
Klar habe sie Angst gehabt, gestand Charlotte Roche gestern Abend im Rostocker MAU-Club ihrem Publikum. Schon während sie ihren Roman "Feuchtgebiete" schrieb, habe sie negative Reaktionen befürchtet und sich das Schlimmste ausgemalt. Ihre absolute Horrorvorstellung: Auf ihren Lesungen hören nur ein paar "wichsende alte Männer" zu. Umso überraschter sei sie, dass sie auf ihrer Tour bisher immer vor einem großen, aufgeschlossenen und gutgelaunten Publikum gelesen habe. Dazu zählen nun auch die begeisterten Zuhörer in Rostock.
Fiktion und Zoten
Kurz nach 21 Uhr tritt die zierliche Autorin in Jeans und einem Kleid in Hahnentritt-Optik auf die Bühne. Ein flüchtiges, fast schüchternes Winken bevor sie sich an den Tisch setzt, und schon erfüllt ihre verschmitzt klingende Stimme den Raum. Sofort wird in Roche-Manier losgezotet. "Ist der Unterschied zwischen Realität und Fiktion bekannt?" fragt sie ins Publikum. Geschickt spielt Charlotte Roche auf die Berichterstattung der Medien an, die allzu gern ihre Aussage, das Buch enthalte 70 % von ihr, kolportieren. Bei ihr liege die Betonung jedenfalls auf "FICKtion", fügt sie hinzu und hat die ersten Lacher auf ihrer Seite.
Ansteckend - Roche als Vorleserin
Roche liest den Anfang ihres Buches. Der Anfang, sagt sie, sei nämlich besonders gut. "Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden", liest sie vor und grinst. Man sieht sie förmlich zu Hause am Computer sitzen und sich wegen dieses Einstiegs die Hände reiben. Als Roche jene Passage liest, in der ihre Hauptfigur Helen erklärt, sie beziehe bei der regelmäßigen Enthaarung auch beide großen Zehen und die Fußrücken mit ein, hört man besonders viele quietschende Frauenlachen. Charlotte Roche kommentiert: "Oh, viele Dunkelhaarige hier im Saal!" Auf diese Weise wird sie noch viele Male mit den Publikumsreaktionen spielen. So auch mit dem entsetzten Seufzer einer Frau, als sie eine provokante Sexstelle liest ("Da ist gerade jemand gekommen!").
Charlotte Roche - eine Heldin der Situationskomik. Möglich, dass sie bei Lesungen in anderen Städten mit denselben Witzen reagiert. Es spielt keine Rolle. Sie wirkt aufgeweckt und authentisch, sie ist ganz "unsere" an diesem Abend. Immer wieder liest sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht, untermalt das Gelesene mit Gesten, unterbricht die pornographischsten Gedanken ihrer Protagonistin, um anzumerken, ihre Helen sei eine richtige Romantikerin.
Pointen dank Publikumsfragen
Roche liest ebenso viel Lustiges wie Ekliges. Das Publikum geht voll mit, es wird geklatscht und gejubelt. Nach dem Lesen beantwortet sie einige Fragen von Zuhörern. Wie sie darauf gekommen sei, das Buch zu schreiben, möchte eine junge Frau wissen. Roche erzählt, sie habe bei ihren Freundinnen im Bad Intimwaschlotion stehen sehen. ("Kennt ihr Liasan? So 'ne Flasche in pastelliger Farbe, mit 'nem Vögelchen drauf, damit Frauen das kaufen?") Das habe ihre Sicht auf ihre Freundinnen so stark verändert, dass sie eine neue Freundin, Helen eben, erfand. Eine, die ihr sympathisch ist, weil sie wesentlich cooler mit dem eigenen Körper umgeht.
Jemand fragt, warum Helen erst 18 Jahre alt ist statt beispielsweise Mitte Zwanzig. Das exzessive Sexleben der jungen Hauptfigur entspricht schließlich nicht dem Erfahrungsstand eines gewöhnlichen Teenagers. Roches antwortet grinsend, es gebe drei Gründe für Helens Alter. Zum einen erlebe man mit 18 eine sexuell ziemlich aufregende Zeit. Außerdem habe sie in ihrem Roman darstellen wollen, dass Helen gerade erst das Alter erreicht hat, in dem man in einen Puff darf. Der dritte Grund, warum die fast 30-jährige Autorin ihre Protagonistin soviel jünger als sich selbst gemacht hat, sei der, dass sie einfach nicht die Hauptrolle spielen will, falls das Buch einmal verfilmt wird. "Da müssen die dann schon so eine arme 18-Jährige für die Rolle casten. Die will aber hinterher bestimmt nie wieder einen Film drehen!"
Mut und Muttersorgen
Mit viel Witz weicht Roche der Frage aus, was für ein Typ ihr Ehemann sei. Dafür spricht sie umso ausführlicher über die Reaktionen ihrer Eltern auf ihren Roman. Zunächst einmal habe sie ihren Eltern das Buch zur Abschreckung als viel pornographischer verkauft, als es in Wirklichkeit ist. Es gelte die Abmachung, dass, sollten die Eltern das Buch dennoch lesen, sie ihre Tochter bitte nie im Leben darauf ansprechen. "Ich werd also nie erfahren, ob die das nun gelesen haben oder nicht", so Roche.
Für ihre Eltern sei es auch nicht leicht, dass ihre Tochter so ein Buch geschrieben habe, merkt die Autorin an. "Die müssen schließlich auch mal raus, zum Metzger zum Beispiel." Auch ihre eigene Tochter würde sie am liebsten zu Hause unterrichten lassen. Zum einen deshalb, damit sie nicht allzu schnell lesen lernt und nach Mamas Buch fragt, zum anderen wolle Roche die Kleine davor bewahren, mit zugehaltenen Ohren und "lalala" singend auf dem Schulhof vor Klassenkameraden zu flüchten, die sie mit dem Buch ihrer Mutter konfrontieren.
Das alles erzählt Charlotte Roche sehr souverän und gewohnt witzig - und macht gleichzeitig deutlich, welcher Mut dazu gehört, solch ein Buch zu schreiben.
Am Ende signiert die Autorin geduldig und freundlich Bücher und lässt sich fotografieren. Die ernste Seite des Buches, die Scheidung von Helens Eltern, hat sie an diesem Abend übrigens bewusst außen vor gelassen. "Ich will euch schließlich nicht zum Weinen bringen." Hat sie aber. Vor Lachen.
(sh)
Am 8. März stellte Charlotte Roche ihren Debütroman "Feuchtgebiete" im Mau-Club in Rostock vor. Der Spion war für euch dabei.
Klar habe sie Angst gehabt, gestand Charlotte Roche gestern Abend im Rostocker MAU-Club ihrem Publikum. Schon während sie ihren Roman "Feuchtgebiete" schrieb, habe sie negative Reaktionen befürchtet und sich das Schlimmste ausgemalt. Ihre absolute Horrorvorstellung: Auf ihren Lesungen hören nur ein paar "wichsende alte Männer" zu. Umso überraschter sei sie, dass sie auf ihrer Tour bisher immer vor einem großen, aufgeschlossenen und gutgelaunten Publikum gelesen habe. Dazu zählen nun auch die begeisterten Zuhörer in Rostock.
Fiktion und Zoten
Kurz nach 21 Uhr tritt die zierliche Autorin in Jeans und einem Kleid in Hahnentritt-Optik auf die Bühne. Ein flüchtiges, fast schüchternes Winken bevor sie sich an den Tisch setzt, und schon erfüllt ihre verschmitzt klingende Stimme den Raum. Sofort wird in Roche-Manier losgezotet. "Ist der Unterschied zwischen Realität und Fiktion bekannt?" fragt sie ins Publikum. Geschickt spielt Charlotte Roche auf die Berichterstattung der Medien an, die allzu gern ihre Aussage, das Buch enthalte 70 % von ihr, kolportieren. Bei ihr liege die Betonung jedenfalls auf "FICKtion", fügt sie hinzu und hat die ersten Lacher auf ihrer Seite.
Ansteckend - Roche als Vorleserin
Roche liest den Anfang ihres Buches. Der Anfang, sagt sie, sei nämlich besonders gut. "Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden", liest sie vor und grinst. Man sieht sie förmlich zu Hause am Computer sitzen und sich wegen dieses Einstiegs die Hände reiben. Als Roche jene Passage liest, in der ihre Hauptfigur Helen erklärt, sie beziehe bei der regelmäßigen Enthaarung auch beide großen Zehen und die Fußrücken mit ein, hört man besonders viele quietschende Frauenlachen. Charlotte Roche kommentiert: "Oh, viele Dunkelhaarige hier im Saal!" Auf diese Weise wird sie noch viele Male mit den Publikumsreaktionen spielen. So auch mit dem entsetzten Seufzer einer Frau, als sie eine provokante Sexstelle liest ("Da ist gerade jemand gekommen!").
Charlotte Roche - eine Heldin der Situationskomik. Möglich, dass sie bei Lesungen in anderen Städten mit denselben Witzen reagiert. Es spielt keine Rolle. Sie wirkt aufgeweckt und authentisch, sie ist ganz "unsere" an diesem Abend. Immer wieder liest sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht, untermalt das Gelesene mit Gesten, unterbricht die pornographischsten Gedanken ihrer Protagonistin, um anzumerken, ihre Helen sei eine richtige Romantikerin.
Pointen dank Publikumsfragen
Roche liest ebenso viel Lustiges wie Ekliges. Das Publikum geht voll mit, es wird geklatscht und gejubelt. Nach dem Lesen beantwortet sie einige Fragen von Zuhörern. Wie sie darauf gekommen sei, das Buch zu schreiben, möchte eine junge Frau wissen. Roche erzählt, sie habe bei ihren Freundinnen im Bad Intimwaschlotion stehen sehen. ("Kennt ihr Liasan? So 'ne Flasche in pastelliger Farbe, mit 'nem Vögelchen drauf, damit Frauen das kaufen?") Das habe ihre Sicht auf ihre Freundinnen so stark verändert, dass sie eine neue Freundin, Helen eben, erfand. Eine, die ihr sympathisch ist, weil sie wesentlich cooler mit dem eigenen Körper umgeht.
Jemand fragt, warum Helen erst 18 Jahre alt ist statt beispielsweise Mitte Zwanzig. Das exzessive Sexleben der jungen Hauptfigur entspricht schließlich nicht dem Erfahrungsstand eines gewöhnlichen Teenagers. Roches antwortet grinsend, es gebe drei Gründe für Helens Alter. Zum einen erlebe man mit 18 eine sexuell ziemlich aufregende Zeit. Außerdem habe sie in ihrem Roman darstellen wollen, dass Helen gerade erst das Alter erreicht hat, in dem man in einen Puff darf. Der dritte Grund, warum die fast 30-jährige Autorin ihre Protagonistin soviel jünger als sich selbst gemacht hat, sei der, dass sie einfach nicht die Hauptrolle spielen will, falls das Buch einmal verfilmt wird. "Da müssen die dann schon so eine arme 18-Jährige für die Rolle casten. Die will aber hinterher bestimmt nie wieder einen Film drehen!"
Mut und Muttersorgen
Mit viel Witz weicht Roche der Frage aus, was für ein Typ ihr Ehemann sei. Dafür spricht sie umso ausführlicher über die Reaktionen ihrer Eltern auf ihren Roman. Zunächst einmal habe sie ihren Eltern das Buch zur Abschreckung als viel pornographischer verkauft, als es in Wirklichkeit ist. Es gelte die Abmachung, dass, sollten die Eltern das Buch dennoch lesen, sie ihre Tochter bitte nie im Leben darauf ansprechen. "Ich werd also nie erfahren, ob die das nun gelesen haben oder nicht", so Roche.
Für ihre Eltern sei es auch nicht leicht, dass ihre Tochter so ein Buch geschrieben habe, merkt die Autorin an. "Die müssen schließlich auch mal raus, zum Metzger zum Beispiel." Auch ihre eigene Tochter würde sie am liebsten zu Hause unterrichten lassen. Zum einen deshalb, damit sie nicht allzu schnell lesen lernt und nach Mamas Buch fragt, zum anderen wolle Roche die Kleine davor bewahren, mit zugehaltenen Ohren und "lalala" singend auf dem Schulhof vor Klassenkameraden zu flüchten, die sie mit dem Buch ihrer Mutter konfrontieren.
Das alles erzählt Charlotte Roche sehr souverän und gewohnt witzig - und macht gleichzeitig deutlich, welcher Mut dazu gehört, solch ein Buch zu schreiben.
Am Ende signiert die Autorin geduldig und freundlich Bücher und lässt sich fotografieren. Die ernste Seite des Buches, die Scheidung von Helens Eltern, hat sie an diesem Abend übrigens bewusst außen vor gelassen. "Ich will euch schließlich nicht zum Weinen bringen." Hat sie aber. Vor Lachen.
(sh)
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